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Helmut Herman Bechtel - Zoltán Szendi
Tradition und Modernität in der ungarndeutschen Literatur

Nelu Bradean-Ebinger: Der verlorene Sohn

Nelu Bradean-Ebinger: Der verlorene Sohn

 

Aufgaben vor der Textbearbeitung (klicken Sie hier)

1. Lesen Sie in der Bibel die Parabel des verlorenen Sohnes.

a) Wer erzählt die Geschichte?
b) Wer sind die Figuren in der Erzählung?
c) Was erfahren wir von den einzelnen Personen?
d) Wie entwickelt sich ihr Lebensweg und welche Antworten geben sie auf die Herausforderungen ihrer Leben?
e) Wie stellt die Geschichte die Beziehung zwischen Gott und Mensch dar?

2. Die Erzählung stellt die Begriffe von Sünde, Liebe und Vergebung in den Mittelpunkt. Diskutieren Sie in der Klasse über die Bedeutung dieser Phänomene im menschlichen Leben.

3. Lesen Sie auch die Geschichte vom verlorenen Groschen und vom verlorenen Schaf.

a) Wie hängen diese drei Parabel miteinander zusammen?
b) Welche Logik können Sie in der Reihenfolge der drei Erzählungen erkennen?

Auf der Straße nach Nirgendwo
heulen Hunde
im frohen Bunde.

Auf der Straße nach Nirgendwo
heilt die Wunde,
wird’s mir Kunde:

Auf der Straße nach Irgendwo.
Auf dem Weg nach Haus.

 

Aufgaben zur Textbearbeitung (klicken Sie hier)

1. Wer ist der Sprecher des Gedichtes?

2. Welche Motive stimmen im Gedicht mit der biblischen Erzählung überein?

3. Welche Bedeutungen sind mit den Hauptmotiven des Textes verknüpft?

4. Interpretieren Sie die Bedeutung des Begriffs „Nirgendwo“.

5. Welche dichterischen Mittel bestimmen den Rhythmus des Textes?

6. Wie deuten die Wiederholungen auf die inhaltlichen Zusammenhänge hin?

7. Diskutieren Sie darüber, mit welcher Station des Weges vom verlorenen Sohn sich der Text des Gedichts verknüpfen lässt.

 

Interpretation

Das Gedicht Der verlorene Sohn von Nelu Bradean-Ebinger ist eine Paraphrase der biblischen Erzählung vom verlorenen Sohn. Der Text verwendet zur Wiedergabe der Handlung anstelle der Narration ( ) die Mittel der Poesie. Der Titel und die Hauptmotive des Textes (Straße, Wunde, Weg, nach Haus) verbinden das Gedicht durch eine intertextuelle Beziehung mit der Parabel von Jesus. Der Text spiegelt nicht die äußeren Geschehnisse, sondern die inneren Ereignisse in der Situation der Verlassenheit zurück.

Die drei Einheiten bedeuten jeweils eine andere Beziehung zur Umgebung und zu der eigenen Situation in der bekannten Handlung. Die erste Einheit bedeutet den Tiefpunkt der Verlassenheit: das Wort Nirgendwo deutet auf das Gefühl der Orientierungs- und Heimatlosigkeit hin. Die störende Stimme der heulenden Hunde stärkt das Gefühl der Fremdheit und der Ausgeschlossenheit. Die heilende Wunde der zweiten Strophe deutet einerseits auf die seelischen Niederlagen des lyrischen Ichs in der Vergangenheit und auf die Anwesenheit des Gewissens hin, andererseits erscheint hier auch die zurückkehrende Hoffnung. Das Wort Kunde ist schon ein Bindeglied zur Entscheidung, die den Lebensweg des Sohnes ins Elternhaus zurückführt. Der Wechsel zwischen Nirgendwo und Irgendwo in der letzten Einheit markiert schon das Zurückgewinnen der Orientierung. Der Weg, der nach Hause führt, steht hier nicht für eine Handlung in der äußeren Realität, sondern als ein Zeichen der inneren Entscheidung für die Veränderung des sündigen Lebens.

Obwohl das Gedicht auf die Stationen im Leben des verlorenen Sohnes Bezug nimmt, ist der Text nicht eine wortkarge Erzählung der Geschehnisse. Er kann eher als ein innerer Monolog des verlorenen Sohnes interpretiert werden, der nach langen Jahren des Flüchtens vor der Verantwortung für das eigene Leben die Entscheidung trifft sein Leben zu verändern. Im Lichte der biblischen Erzählung markiert der Gedankengang über die Verlorenheit (Nirgendwo) und die Wunden die aufrichtige Konfrontation mit dem sündigen Leben, die die menschliche Seele erschüttert und zu einer radikalen Wende motiviert. Der nach Hause führende Weg ist in diesem Zusammenhang die Bekehrung, der bewusste Eintritt in die Beziehung zwischen Gott und Mensch.