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Helmut Herman Bechtel - Zoltán Szendi
Tradition und Modernität in der ungarndeutschen Literatur

Josef Michaelis: Auf dem Friedhof, Schicksale

Josef Michaelis: Auf dem Friedhof

Blumen blühen
Strahlen glühen
Steine grünen
Zeiten gleiten

(1978)

Josef Michaelis: Schicksale

 

Das Meer braust
die Zeit haust
Felsen werden Kieselsteine
Stunden schaffen Augenblicke
Doch hier und weit

die Unendlichkeit

(1979)

Aufgaben zur Textbearbeitung (klicken Sie hier)

1. Markieren Sie die Worte, die in beiden Texten vorkommen. Überlegen Sie, welche Bedeutungen sie in ihrem (unterschiedlichen) Kontext haben können.

2. Wie können die Verben in beiden Gedichten charakterisiert?

3. Was verbindet die ‚Friedhofsgedanken‘ mit den Schicksalsgefühlen?

4. Welches Welterlebnis drücken die Zeilen „Das Meer braust [...] Felsen werden Kieselsteine“ aus?

5. Zu welcher Art Lyrik gehören diese Gedichte?

 

Interpretation

In beiden Fällen wird die Ewigkeit der Natur gefeiert. Im ersten Text, „Auf dem Friedhof“, fällt am meisten auf, dass die ersten drei von den vier Aussagen ‒ infolge der berauschenden Naturschönheit ‒ Lebensfreude vermitteln. Die Schönheit, die durch die Substantive ausgedrückt wird, sowie die Dynamik, die die Verben erzeugen, ergeben ein beinahe pantheistisches Lebensgefühl. Erst die Schlusszeile („Zeiten gleiten“) erinnert uns an die Vergänglichkeit, die ansonsten aus der Ortsbezeichnung im Titel des Gedichtes zu entnehmen ist.

Im zweiten Gedicht, „Schicksale“, wird das kosmische Raum- und Zeiterlebnis ‒ „Das Meer braust [...] Felsen werden Kieselsteine“ ‒ in den Augenblicken, die dem menschlichen Leben eigen sind, erfasst. Oder mit den berühmten Worten Rilkes gesagt: „Das Leben ist eine Herrlichkeit“.