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Helmut Herman Bechtel - Zoltán Szendi
Tradition und Modernität in der ungarndeutschen Literatur

Valeria Koch: Hioba

Valeria Koch: Hioba

 

Aufgaben vor der Textbearbeitung (klicken Sie hier)

1. Lesen Sie die biblische Geschichte über Hiob. [Das Alte Testament: Das Buch Hiob]

 

Herr, ich klage:
Diese Plage
sei nun Folge
meiner ausschweifenden Tage?

Herr, ich meine:
Ich bleib Deine
trotz Unreine –
denn Du bist, der stets vergibt.

Herr, ich döse
wenn das Böse
kommt, nicht weiter:
Bereits bin ich schon bereiter.

Herr, ich preise
Deine Weise,
mir es weise
beizubringen, wie Du liebst.

(1992)

 

Aufgaben zur Textbearbeitung (klicken Sie hier)

1. Welche Lehre(n) vermittelt die biblische Geschichte?

2. Was ist die profane Antwort des Gedichtes darauf?

3. Beschreiben Sie diese Einstellung des lyrischen Ichs.

4. Bedeutet diese Verhaltensweise ein Sakrileg?

 

 

Interpretation

Das Buch Hiob aus dem Alten Testament erzählt die Geschichte des gottesfürchtigen Hiobs, der nach einer glücklichen Lebensphase – durch Einwirkung des Teufels – immer größere Schicksalsschläge erleiden muss, die sogar seine Gottesfurcht auf die Probe stellen. Die lehrhafte Erzählung wird mit „Hiobs gesegneten Ende“ abgeschlossen, indem der alte Mann reichlich belohnt wird, sodass er „alt und lebenssatt“ starb.

In einem spielerisch-ironischen Ton wird Hiobs Geschichte im Gedicht von Valeria Koch paraphrasiert. Gleich die ‚Feminisierung‘ des biblischen Namens – „Hioba“ – bedeutet eine Art jugendlich freche Korrektur der Heiligen Schrift im Zeichen der Emanzipation. Auch die Frauen – wie z.B. auch die Dichterin – können nämlich von Gott/vom Schicksal geplagt werden. Hier geht es aber gewiss nicht um eine richtige Heimsuchung wie bei dem Hiob, denn die „Klage“ bezieht sich schließlich auf die „Folge / [der] ausschweifenden Tage”. Es wird ferner auch nicht verraten, was „diese Plage” eigentlich bedeuten soll. Mit einer beinahe familiärer Unmittelbarkeit und einem burschikosem Mut provoziert das lyrische ich den Allmächtigen.

Denn die ausgelassene Ironie und der kecke Übermut setzen alles in eine profane Zweideutigkeit: sowohl die christlich-religiöse These, dass Gott alle Sünden, wenn sie bereut werden, vergibt, als auch die Ergebenheit und Fügsamkeit angesichts des Allmächtigen.

Ironie bedeutet hier allerdings nicht die einfache rhetorische Figur, d. h. das Gegenteil des Gesagten, sondern drückt viel mehr die komplizierte und oft sehr widerspruchsvolle Beziehung des Menschen zu Gott aus, in der Gottesfurcht und zweiflerische Gegenüberstellung gleicherweise vorhanden sind. Diese Mehrdeutigkeit zeigt sich auch in der Struktur des Gedichtes. Während nämlich der gewagte Ton und die selbstsichere Wortwahl, die auch durch den leichten Rhythmus und den schlagerartigen Wohlklang der Paarreime (klage – Plage, meine – Deine, döse – Böse usw.) unterstützt werden, vom Selbstbewusstsein des Ich zeugen, wird dieser Übermut durch die Textrhetorik zugleich relativiert. Denn die Reihenfolge der dem Herrn vorgetragenen Aussagen zeigt eine sichtbare Selbstaufgabe angesichts des Schöpfers – zumindest auf der semantischen Ebene. So beginnt der Text mit der „Klage“ (1. Strophe), die in doppeltes Versprechen hinübergeht: „Ich bleib Deine“, „ich döse / wenn das Böse / kommt, nicht weiter” (2. und 3. Strophe), und mit einem Preislied abgeschlossen wird (4. Strophe). Die Huldigung – „Herr, ich preise / Deine Weise, / mir es weise / beizubringen, wie Du liebst“ – kann auf verschiedene Weise gedeutet werden. Einerseits, im Sinne der biblischen Geschichte, drückt sie die bedingungslose Annahme der göttlichen Fügung, auch wenn sie Leiden dem Menschen bringt, weil die Plagen die Liebe zum Gott auf die Probe stellen. Andererseits kann in dieser Einwilligung auch weiterhin eine bestimmte (‚schelmische‘) Skepsis gegenüber der göttlichen ‚Bevormundung‘ mitschwingen.