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Helmut Herman Bechtel - Zoltán Szendi
Tradition und Modernität in der ungarndeutschen Literatur

Nelu-Bradean Ebinger: Auf der Suche nach … Heimat

Nelu Bradean-Ebinger: Auf der Suche nach … Heimat

(Textverstehen)

Die Zeit blieb an uns haften wie klebriges Unkraut. Sie blickt uns aus Ackerfurchen schief an, sie lauert mit jedem Öffnen der Schranktür im schönen Zimmer auf uns. Die Deutschen in Ungarn sind ein Volk, in dessen Mund die Lieder der Ahnen stumm oder fad geworden sind. Wenn ich mich anschicke, über sie zu schreiben, so könnte ich dies auch ungarisch tun. Sei es denn eine schriftstellerische Willkür meinerseits, auch die Mundart, die aus allen Gegenständen meiner Ahnen mir nachruft, – nicht zu wählen. Im Sinne der Entfremdung, im Sinne dessen, dass all dies nur eine honig-klebrige Masse von Erinnerungen ist, die ich anzuzapfen bereit bin, werde ich hochdeutsch scheiben.

Der Weg, an dem ich mich rückwärts bewege, trägt keine Gleise, die mich schnell wie ein Eilzug von Station zu Station befördern könnten. Er ist vielmehr ein enger Hohlweg, der sich vom Regen- und Schneeschmelz-Wasser, wackligen Kuh- und Pferdewagen-Spuren entlang, in den Matsch der Hügelhänge eingefressen hat, und unter dicht wucherndem Gestrüpp aus Akazien, Teufelszwirn, wilden Reben, Holunder und Hagebutten sich dahinschlängelt bis zum Bach und weiter zum Fluss, an dem Glück und Unglück ihren verhängnisvollen Lauf nahmen.

Der träge Fluss hat in Generationsferne jene abenteuerlustigen Tagelöhner, Habenichtse, Knechtsknechte und leichtgläubigen Bauern ans Land gespült, die hier – zwischen Hohlwegen, Irrwegen, Fluren und Flüssen an den Schollen haften blieben.

Gäste, die bleiben, kann man nicht mögen. Wir bleiben: In der Wildnis au allen Himmelsrichtungen die Rodung eingeschlagen – traf sich in kaum hundert Jahren Axt mit der Axt. Die Sümpfe trockengelegt, wirbelte der Wind Staub auf, der den Nachbarn in die Augen flog. Kaum erst war die Sense an die Ernte gelegt, fiel schon das Korn in fremde Speicher.

Ich sehe die Reihen der Ahnen in einem Spalier. Großvater nickt und findet nicht die Worte, die mir seit ihm fehlen; die aber auch er nicht von seinem Ahnsahn mitbekam. Halbworte bröckeln aus dieser Erinnerung, unserer eigenen Substanz ganz gleich. Diese sah erst aus wie Stahl und Eisen, bald entlarvte sie sich aber leere, entnährte Scholle.

Wir sind so viel gebröckelt in hundert Jahren und hundert und abermals Dutzend Jahren, dass es mich seit Ahnsgliedern her nicht mehr geben dürfte, noch meine Art. Ich müsste längst schon stumm sein, jeglicher Worte ohnmächtig, die je die Kehle dieser Umherstreunenden verließen.

Großvater rückt den Hut, nickt, spricht das Vaterunser und blickt mit stummen Blick in eine Zeit, in der ich lebe, in der er es nicht mehr könnte, wollte oder dürfte, weil sie ihm fremder ist als jene, in der er auch nur ein Fremder war unter all den Fremden. So blieb uns kein Wort füreinander, und wir sind stummer zu zweit als unter lauter Fremden, die fremde Sprachen sprechen und uns vom Ross oder vom Heuwagen herab verhöhnen. So bleibt Großvater das Vaterunser in einen Rosenkranz geflochten, der vielleicht schon zweifach in den Himmel reicht. Daran tanzen die Engel wie an der Leiter Jakobs auf und ab – und beunruhigen meinen Traum.

Soll ich denn einen Baum noch pflanzen, der wächst, der Staub mit Wasser zu sich nimmt und die Knochen unter der Erde mit sanftfühligen Wurzelfädchen verätzt, um aus ihnen Blätter und Äste zu treiben, die von Jahr zu Jahr neue Ringe ansammeln, damit sie eines Tags, wenn es Zeit dafür ist, mir zur Leiter werden, die mich in den Himmel führt zu meinen stummen Ahnen?!

Aus dem dürren Mund irgendeiner Ur-Urgroßmutter müsste ich helfen, den letzten faulen Zahn zu ziehen. Ich könnte mi einen Teil des Erbes ergattern: einen Glückszahn vielleicht im Rad dieser riesigen Zeituhr, die mich nicht lässt, aus der Reihe zu tanzen und mich im Pendeltakt oft schweißgebadet ticken lässt in einem Takt, dessen Rhythmus ich noch nicht zu gehorchen gelernt hab.

„Leg die Worte ab“ ruft einer aus dem Ahnenspalier, doch ich hör nicht auf ihn. Er ist ja keiner von uns. Keiner aus dem Rosenkranz der Stummen! Er ist einer, der Leinenhemd, Krempelhut, Wollsocken und Holzschuhe gegen Krawatte und Stiefel eingetauscht hat und jetzt doch nackt aus der Reihe tanzt. Ich aber bleibe stumm.

 

Aufgaben zur Textbearbeitung (klicken Sie hier)

1. Erklären Sie die Bedeutung des Titels.

2. Beweisen Sie anhand von formalen und stilistischen Merkmalen, dass es sich bei der Gattung des Textes um einen Essay handelt.

3. Erklären Sie die folgenden Begriffe des Textes.

Mobilität:

 

 

Assimilation:

 

 

Ostblock:

 

 

Spätaussiedler:

 

 

Konsumgesellschaft:

 

 

4. Welche biblische Geschichte erscheint im Text? Erklären Sie, wie sich diese Erzählung mit dem Thema des Essays verknüpfen lässt.

5. Entscheiden Sie, ob die folgenden Aussagen richtig oder falsch sind.

___ Die marxistisch-leninistische Ideologie war dazu fähig, die Probleme der Minderheiten zu lösen.
___ Die Dissidenten aus Osteuropa bildeten in den westeuropäischen Ländern neue Minderheiten.
___ Die Schicksalsjahre des 20. Jahrhunderts führten dazu, dass in ihrer Heimat zahlreiche Volksgruppen leiden mussten.
___ Gerhard Seewann hat eine neue Untersuchung zum Sprachgebrauch der Ungarndeutschen durchgeführt.
___ Der Autor des Textes meint, dass durch den Aufbau der Konsumgesellschaft ein gesundes Gleichgewicht zwischen „materieller“ und „ideeller“ Heimat entstehen wird.
___ Vor dem zweiten Weltbrand lebten im Osten von Europa fast 20 Millionen Deutsche als Angehörige einer Minderheit.

6. Von wem stammt das folgende Zitat: „Bisher waren wir eingeschlossen, nun sind wir ausgeschlossen.“? Erklären Sie die Bedeutung des Satzes.

a) „Die Deutschen in Ungarn sind ein Volk, in dessen Mund die Lieder der Ahnen stumm oder fad geworden sind.“
b) „Kaum erst war die Sense an die Ernte gelegt, fiel schon das Korn in fremde Speicher.“
c) „Wir sind so viel gebröckelt in hundert Jahren und hundert und abermals Dutzend Jahren, dass es mich seit Ahnsgliedern her nicht mehr geben dürfte, noch meine Art.“

7. Verbinden Sie die zusammengehörenden Begriffe miteinander.

  1. Asylant                          A) das alte Kontinent
  2. Dichter                          B) Osteuropa
  3. Europa                          C) Eldorado
  4. Ostblock                       D) Dissident
  5. Westeuropa                   E) Identitätsverlust
  6. Assimilation                 F) Schriftsteller

8. Der Autor des Textes stellt das Ergebnis einer Untersuchung dar.

a) Schreiben Sie zu dem Diagramm neben die Farben die Benennung der einzelnen Identitätstypen.

Nelu-Bradean-Ebinger-Auf-der-Suche-nach

b) Charakterisieren Sie die einzelnen Gruppen. Ergänzen Sie dazu die Tabelle.

 

Identitätstyp

Merkmale

1.

_______________

 

 

2.

_______________

 

 

3.

_______________

 

 

4.

_______________

 

 

 

9. Der Autor prophezeit die Veränderung der Wertlegung in den Gesellschaften des ehemaligen Ostblocks. Interpretieren Sie das folgende Zitat. Erklären Sie dabei auch die Bedeutung der Begriffe „materielle“ und „ideelle Heimat“. Stellen Sie dar, welche Rolle Ihrer Meinung nach die zwei Bereiche heute für Ihre Generation bedeuten.

„Mit einem Phasenunterschied von 10-20 Jahren wird es sich auch bei uns ähnlich entwickeln, so dass zwischen „materieller“ und „ideeller“ Heimat ein gesundes Gleichgewicht entstehen wird.“