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Helmut Herman Bechtel - Zoltán Szendi
Tradition und Modernität in der ungarndeutschen Literatur

Valeria Koch: Wandlung

Valeria Koch: Wandlung

Die wichtigste Stunde ist
immer die Gegenwart.
(Meister Eckhart)

Alle während wir vergehen
Völker Grenzen Lieben Wehen
wird die Wandlung stets bestehen
um die Gegenwart sich drehen
was war sei wahr
was wird leicht irrt
allein das Jetzt
noch nicht verletzt
„Hic Rhodus, hic salta!“ mahnen
aus glücklichen Zeiten Ahnen
wir stehn in Mauern und lauern
auf unser eigenes Schauern
was wird leicht irrt
was war sei wahr
noch nicht verletzt
allein das Jetzt

(1992)

 

Aufgaben zur Textbearbeitung (klicken Sie hier)

1. Welche Attribute werden den Geschehnissen in den drei Zeitformen zugeordnet?

2. Deuten Sie das Motto im Zusammenhang des Haupttextes.

 

Interpretation

In Anlehnung an die Worte Meister Eckharts , die dem Gedicht als Motto vorangestellt sind, wird das Gegenwartsmoment als relevant bezeichnet. Denn nur die jeweilige Gegenwart bietet uns die Wahlmöglichkeit, Schicksalsfragen zu entscheiden. Das Vergangene, das schon Geschehene gilt als Fakt, an dem nicht mehr zu ändern ist. Die Zukunft dagegen erscheint mit ihren ungewissen Komponenten als Falle, die aus Irrwegen besteht. So wird "allein das Jetzt" für intakt gehalten, d. h. "noch nicht verletzt". In der ständigen Wandlung ist nämlich allein die Gegenwart, in der wir unser Leben im wahrsten Sinne des Wortes erleben können. Allerdings nicht so, wie es die Lehre von Horaz – nämlich „carpe diem“ – vorschlägt, sondern vielmehr im Sinne der Existenzphilosophie, mit der die Autorin vertraut ist.