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Helmut Herman Bechtel - Zoltán Szendi
Tradition und Modernität in der ungarndeutschen Literatur

Wilhelm Knabel: Zur Heimat zieht der Brotgeruch

Wilhelm Knabel: Zur Heimat zieht der Brotgeruch

 

Aufgaben vor der Textbearbeitung (klicken Sie hier)

1. Diskutieren Sie, was der Unterschied zwischen den Begriffen Zuhause, Heimat und Vaterland ist. Sprechen Sie auch darüber, was Ihnen diese Wörter persönlich bedeuten.

2. Wie könnten diese Begriffe im Zusammenhang mit der deutschen Minderheit von Ungarn definiert werden?

3. Was sind Ihrer Meinung nach die definitiven Elemente von Heimat?

 

Wilhelm Knabel: Zur Heimat zieht der Brotgeruch

Sinnend die Häuserreih’ entlang
mach ich auch heute meinen Gang,
da trifft mich frischer Brotgeruch,
ein lang vermißter Duftgenuß.
Wohl achtzig Jahre sind es her,
es dünkt als Wahrheit gar nicht mehr,
daß ich einst am Backofen stand
und knieend die Großmutter fand.
Still betend spricht Großmutters Mund:
Ich dank dir Herr aus Herzensgrund,
daß du in Not uns niemals läßt
und immer schaffst zu unser Best!
Die Ofenschüssel nimmt zur Hand
Großmutter schnell und ganz gewandt,
zieht dann die bräunend’ Laib heraus
und Brotduft zieht durchs ganze Haus.
Dies alles ging mir durch den Sinn,
zog mich zur alten Heimat hin,
wurd nicht gewahr, wie weit ich lief,
bis mich die Mittagsglocke rief.

(1966)

Aufgaben zur Textbearbeitung (klicken Sie hier)

1. Wie viele Zeitschichten manifestieren sich in diesem Text?

2. Wie kann das Gedicht anhand der Zeitschichten gegliedert werden?

3. Was ruft im Gedicht die Erinnerungen wach?

4. Woran und an wen erinnert sich das lyrische Ich im Text?

5. Welche Szene wird im Gedicht beschrieben?

6. Im strukturellen Zentrum des Gedichts befinden sich in der dritten Strophe die Worte der Großmutter. Welche Text-Gattung erkennen Sie in diesen Zeilen?

7. Wofür bedankt sich die Großmutter?

8. Suchen Sie die Hauptmotive des Textes heraus. Wie kann die Bedeutung von Heimat mit diesen Worten umgeschrieben werden?

 

Interpretation

Das Gedicht Zur Heimat zieht der Brotgeruch ist zugleich der Titel des Sammelbandes von Wilhelm Knabel. Der Text beschreibt die Beziehung des Individuums zur eigenen Heimat, wobei er die Bedeutung des Begriffes mit den Motiven Familie, Zuhause, Sprache, Geborgenheit und Glauben umschreibt.

Die fünf Strophen des Textes lassen sich auf Grund der zwei dargestellten Zeitschichten in drei strukturelle Einheiten gliedern. Die erste und die letzte Strophe beschreiben die Situation eines Spazierganges auf den Straßen der Stadt in der Gegenwart. Diese zwei Einheiten umrahmen die inneren Strophen: die Erste bereitet einen Gedankengang über die Vergangenheit vor, die Letzte schließt das Gedicht mit dem plötzlichen Erwachen aus den Erinnerungen ab. Die Strophen 2 bis 4 führen in die individuelle Vergangenheit des Sprechers zur fernen Kindheit zurück. Diese Einheit beschreibt eine Szene neben dem Backofen, wo das Kind beim Backen des Brotes seine Großmutter beten sieht. Die alte Frau bedankt sich bei Gott nicht nur für das alltägliche Brot, sondern auch für die Gnade des Herrn und seiner Fürsorge für die Menschen.

Das Gedicht ist ein Klassiker der Heimatgedichte der deutschen Sprache, die die Bedeutung von Heimat mit den Begriffen Familie, Zuhause, Geborgenheit, Gemeinschaft und Glauben definiert.

 

Weiterführende Aufgaben (klicken Sie hier)

1. Suchen Sie aus der Textsammlung Zur Heimat zieht der Brotgeruch das Gedicht Zur Heimat… von Josef Michaelis heraus.

a) Welche intertextuellen Verknüpfungspunkte können Sie zwischen den beiden Texten erkennen?
b) Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede gibt es zwischen den beiden Texten?