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Helmut Herman Bechtel - Zoltán Szendi
Tradition und Modernität in der ungarndeutschen Literatur

Robert Becker: Geplündert

Robert Becker:  Geplündert

erinnere mich.
am zitternden Feuer
rot – rot vor Scham.
versuche meinen Platz zu finden:
mein Volk vertrieb mir die Zeit
geschändet unsere Häuser – abrißreif.
immer leiser werden unsere Lieder:
feines Sausen noch – dann Stille.
jede Bleibe ohne Sinn
und doch:
aus Trotz.

(1993)

 

Aufgaben zur Textbearbeitung (klicken Sie hier)

1. Wie verbindet sich das Schicksal des Volkes mit dem des Dichters?

2. Deuten Sie den mehrschichtigen Sinn des Adjektivs „zitternd“.

3. Stellen Sie die unterschiedlichen Attitüden des Ich/des Dichters dar

Interpretation

In der Erinnerungsgeste des Ich wird gleich im Auftakt des Gedichtes das Schamgefühl hervorgerufen, das durch tiefes Mitgefühl mit den einst Erniedrigten auch in den Nachfahren entfacht wird. Aufgrund dessen kann das Adjektiv „zitternd“ sowohl auf das Angstgefühl der Eingeschüchterten als auch auf den Zorn und die Empörung des Ich bezogen werden. Von dieser Situation ausgehend wird die Parallele zwischen dem Ich und seinem Volk gezogen, indem die „abrißreifen“ Häuser und die „immer leiser werdenden“ Lieder das Schwinden des Volkes zusammen mit seiner Kultur, deren Träger auch der Dichter ist, versinnbildlichen. Genauso doppelsinnig ist der Titel Geplündert, der den Zustand der Gemeinschaft und des Individuums gleichfalls charakterisiert.

Aufgrund dieser Schicksalsgemeinschaft können auch die verklärte Kausalität in den folgenden Zeilen gedeutet werden: „versuche meinen Platz zu finden: / mein Volk vertrieb mir die Zeit“. In der komprimierten Metaphorik wird nämlich die Ursache und Wirkung scheinbar vertauscht. Das Volk, das vertrieben und „geschändet“ wurde, kann seinen Nachfahren keine Zukunft mehr in seinem Ungarndeutschtum bieten. Die „vertriebene“ Zeit bedeutet also die verlorene (oder zumindest verunsicherte) Zukunft und wegen dieser Bitterkeit wendet sich das Ich vorwurfsvoll gegen sein ‚schuldlos-schuldige‘ Volk. Nach der trostlosen Vor- und Darstellung wird die Paradoxie mit der stillen Hoffnung des Widerstandes in der Verzweiflung laut: „jede Bleibe ohne Sinn / und doch: / aus Trotz.“