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Helmut Herman Bechtel - Zoltán Szendi
Tradition und Modernität in der ungarndeutschen Literatur

Claus Klotz: Mein Deutschtum

Claus Klotz: Mein Deutschtum

 

Claus Klotz: Mein Deutschtum

mein deutschtum ist
die rodung im wald
auch sankt iwan bei ofen genannt
mein deutschtum ist das bröckelnde
bauernhaus in leinwar
der friedhof dort
wo dutzende von steinen
meinen
namen tragen
mein deutschtum ist
die alte nachbarin – anna
die mich über hexen und berggeist
aufklärte
mein deutschtum ist
der hotter und sein duft
das kohlenrevier
wo vater jeden tag in die grube stieg
und von mutter zitternd mit
schmalzbrot und glücksauf
verabschiedet
mein deutschtum ist die schule
wo ich in der pause nur ungarisch
sprechen durfte
aber auch die wöchentlich zwei
stunden muttersprache
mein deutschtum ist das
graner gymnasium
wo ich ungarischer dichter
werden wolte
das germanistische seminar
budapest und leipzig
mein deutschtum ist die kirche
in der ich zur ersten kommunion ging
der priester der mich die alten griechen und römer
lehrte
mein deutschtum ist der
zögernde novizenanwärter der piaristen
mein deutschtum ist
aber auch der bolschewistische
zum sozialdemokraten avancierte
dann kommunistische und wieder
zum sozialdemokraten abgestempelte
großvater
mein deutschtum ist
klopstock und lenau
marx
und auch puschkin
dessen verse die russiche
großmutter an friedlichen abenden
vorlas
mein deutschtum ist
der guthmann geheißene urahn
der hergelaufene
von dem man nicht weiss
ob sein deutscher name echt ist
mein deutschtum ist der ungarische
freund der kindheit
der lehrer
der petőfi und arany
mich lieben lernen ließ
mein deutschtum ist babits und
sein gartenhaus in esztergom
mein deutschtum ist illyés ja auch illyés
und nicht zu vergessen auch hauptmann in agnethendorf
mein deutschtum ist joyce und sartre
der eiffelturm
und das brandenburger tor
das oktoberfest und die finnische sauna

mein deutschtum
hört ihr
hat einen weltpass

(1988)

 

 

Interpretation

Das Gedicht Mein Deutschtum von Claus Klotz stellt die möglichen Identitätskonstruktionen der ungarndeutschen Minderheit dar, wobei es auf Elemente sowohl aus der deutschen als auch aus der ungarischen Kultur Bezug nimmt. Der Titel des Freigedichtes Mein Deutschtum ist sogar ein Bestandteil des immer wiederkehrenden Textelementes „mein deutschtum ist“.

Der Ausdruck „mein deutschtum“ stellt die persönliche Beziehung des lyrischen Ichs zur Gemeinschaft dar und ist in diesem Sinne als Zeichen der eigenen Identität zu verstehen. Andererseits stellt es eine persönliche Vorstellung über das Wesen des nationalen und kulturellen Gebildes dar, das unter Deutschtum verstanden werden könnte. Der Satzbeginn „mein deutschtum ist…“ trennt die einzelnen Einheiten des Gedichtes voneinander und markiert eine Grenze zwischen den zusammengezogenen Strophen des Werkes. Das Gedicht ist ein dynamischer Monolog, der mit der wiederkehrenden Anapher den ständigen Versuch einer Grenzlegung beinhaltet. Das Gedicht versucht den Begriff „Deutschtum“ mit Hilfe von kulturellen und ideologischen Merkmalen zu umrahmen. Die sechszehn Einheiten können im strömenden Gedankengang ohne Interpunktion als sechszehn Definitionsversuche zur Bestimmung der Beziehung zur eigenen kulturellen und nationalen Identität betrachtet werden.

Die Gedanken des Textes bewegen sich im Spannungsfeld von Oppositionspaaren wie Minderheit-Mehrheit, Eigenes-Fremdes und Assimilation-Dissimilation, die eine literarische Identitätssuche markieren. Die zusammenhaltende Kraft in diesem ambivalenten Selbstbestimmungsversuch ist der Lebensweg des Sprechenden, dessen Biografie vom schwäbischen Dorf (1.-2. Einheit) zum Anerkennen der allgemeinmenschlichen Werte der universellen Kultur führt (15.-16. Einheit). Daraus folgend geben die ersten und die letzten zwei Einheiten der unförmigen Gedankenströmung des Gedichtes eine Rahmenstruktur.

Die Bausteine der Identität wie Personen, Gebäude, Gemeinschaften und Ideologien lassen sich nicht zu einer strukturierten Hierarchie zusammenstellen. Den binaren Oppositionen des Textes entsprechend ist der entfaltete Gedankengang von der Minderheitenperspektive geprägt, die in die ungarische Geschichte und Kultur eingebettet ist. Die Auflistung der Identitätselemente beginnt bei dem volkstümlichen Milieu der Heimatdörfer, und erreicht durch die bürgerliche Kultur (Kirche, Literatur, Sprache) in den letzten Strophen die Regionen der universalen Kultur (Weltliteratur, Philosophie, Architektur).

Die sprachliche Unterdrückung in der Schule (5. Einheit: „mein deutschtum ist die schule / wo ich in der pause nur ungarisch / sprechen durfte“) führt im Lebensweg nicht zur Zurückweisung der Mehrheitskultur. Die Eindrücke der ungarischen Kultur tragen zur Entfaltung der dichterischen Fähigkeiten genauso bei, wie die deutschsprachigen oder die weltliterarischen Impulse. Die nicht-hierarchische Struktur der kulturellen Schichten bedeutet nicht die Verdrängung der Minderheitenperspektive, sondern die Repräsentation einer eigenartigen, interkulturellen Symbiose auf dem Grenzgebiet von zwei nationalen Kulturen. Diese Strukturlosigkeit der kulturellen Knüpfpunkte mündet am Ende des Gedichtes mit einem universellen Bekenntnis in die Grenzlosigkeit:

mein deutschtum
hört ihr
hat einen weltpass

Das Gedicht Mein Deutschtum demonstriert einerseits das Versagen einer festen Selbstbehauptung, andererseits stellt es die möglichen kulturellen Verknüpfungspunkte der Ungarndeutschen in Verbindung einer individuellen Biografie dar.

Das Gedicht zeigt auch, wie Werke ungarndeutscher Autoren es schaffen, kulturelle Güter „anderer“ Nationen durch literarische Mittel zu überliefern. Die Bezugnahme des Gedichtes Mein Deutschtum auf ungarische Autoren wie Sándor Petőfi, János Arany, Mihály Babits oder Gyula Illyés ist ein Musterbeispiel dafür, dass deutschsprachig schaffende Autoren in Ungarn mit der ungarischen Literatur ständig in unmittelbarem Kontakt standen.