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Helmut Herman Bechtel - Zoltán Szendi
Tradition und Modernität in der ungarndeutschen Literatur

Robert Becker: Schritt für Schritt

Robert Becker: Schritt für Schritt

eine Linie
ein Bogen
vielleicht ein Fragezeichen
vielleicht ein Jahr
eines unvollendeten Lebens
vielleicht ein Punkt
vielleicht ein Fleck auf leerem Papier
das Ende oder
eine Geburt sogar
eine Linie
ein Bogen
ein nachlassender Krampf
die Leere als
Wogenkuß am Strand
ein Weg ins Unbekannte
ein Bogen
eine Linie
Gottes Gehstab
in einer blinden Welt

(1990)

 

Aufgaben zur Textbearbeitung (klicken Sie hier)

1. Worauf beziehen sich die im Gedicht aufgezählten Begriffe?

2. Überlegen Sie, was der Titel bedeuten kann.

3. Welche Art von Lebenshaltung wird hier dargestellt?

4. Was markieren die Wiederholungen?

 

Interpretation

Der Text sieht beinahe wie ein Inventar aus, welches eine Reihe von Begriffen ohne jeglichen Kommentar anführt. Die Aufzählung enthält zwar Substantive unterschiedlicher Bedeutung, gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie sich alle auf das Leben beziehen. Der Titel – Schritt für Schritt – verweist sowohl auf die einzelnen Abschnitte eines Lebensweges als auch auf das Bemühen, mit dem die einzelnen Etappen bewältigt werden. Und zwar ohne Freude und Genugtuung, sondern vielmehr mit Skepsis und Resignation betrachtend. Denn die wortkargen Hinweise „eine Linie / ein Bogen“ erwecken durch die Wiederholungsrhetorik den Eindruck eines ermüdenden Déjà-vu-Erlebnisses und die Attribute wie ‚unvollendet‘, ‚leer‘ und ‚nachlassend‘ zeugen von einem pessimistischem Abfinden mit dem Schicksal, in dem der nichtbegreifbare Zufall regiert. Die hoffnungslose Verunsicherung wird durch die häufige Wiederholung der Modalpartikel ‚vielleicht‘ noch mehr betont und mit der Schlusszeile „in einer blinden Welt“ endgültig bestätigt. Da aber die hier angedeuteten ungeordneten Daseinsbewegungen dem anscheinend willkürlichen „Gottesgehstab“ folgen, ist das Gedicht auch als „stille Auflehnung“ gegen den Schöpfer zu verstehen möglich.

 

Glaubensreflexionen: Gottesferne und Gottesnähe