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Helmut Herman Bechtel - Zoltán Szendi
Tradition und Modernität in der ungarndeutschen Literatur

Valeria Koch: Das Land Nirgendwo

Das Ich und seine Welt

Valeria Koch: Das Land Nirgendwo

Meiner Patin Anna-Réka

Auch das Land Nirgendwo
liegt irgendwo

Vielleicht in den Wogen der See,
vielleicht auf dem Weg, den ich geh,
vielleicht hinterm Vorhang von Schnee.

Warum wohl so ferne, so nah,
warum heißt das Dort niemals Da,
vielleicht nur klingt Nein nie als Ja?

Doch das Land Nirgendwo
liegt irgendwo

In Märchen, die Zeitwind zerriß,
im Wort, das man herzhart verbiß,

im Traum jeder Kindheit, gewiß.

Gold glüht dort, blühend der Sand,
Löwe gibt Häschen die Hand,
Säuglinge saugen Gesang.

Und das Land Nirgendwo
liegt irgendwo

(1976)

 

Aufgaben zur Textbearbeitung (klicken Sie hier)

Deuten Sie die paradoxe Behauptung „das Land Nirgendwo / liegt irgendwo“ im Kontext des ganzen Gedichtes.

1. Suchen Sie im Gedicht Hinweise auf Märchen.

2. Überlegen Sie, ob das Wort ‚Land‘ mit einem anderen Wort ersetzt werden kann. Geben Sie eventuell ein Beispiel an.

3. Welche Welten werden im Text gegenübergestellt?

4. Kann die (wiederholte) Behauptung „das Land Nirgendwo liegt irgendwo“ bestätigt werden? Und wenn ja, inwiefern?

 

Interpretation

Das Gedicht gehört gewiss zu den schönsten und tiefsinnigsten Werken von Valeria Koch. Mit spielerischer Leichtigkeit führt es den Leser in die Welt der Möglichkeiten, in die Welt der Märchen.

Ohne die reale Welt verleugnen und in eine irreale fliehen zu wollen, behauptet das lyrische Ich wiederholt „hartnäckig“ seine Existenz. Dreimal, an gewichtigen Stellen des Textes – am Anfang, in der Mitte und am Ende – wird verlautet: „das Land Nirgendwo / liegt irgendwo“, wobei diese Verlautbarung jeweils durch eine andere Partikel eingeleitet wird, nämlich durch „Auch“, „Doch“ oder „Und“. Diese scheinbar geringen Änderungen fügen sich organisch in die Textrhetorik, die durch Oppositionen argumentiert.

Gleich der Auftakt mit dem „Auch“ scheint als Gegenbehauptung zu fungieren. Den Verneinungen gegenüber, die das unsichtbare Land bezweifeln, wird das Ungewisse als unbestimmte Notwendigkeit postuliert. Auf die Unbestimmtheit des Landes „Nirgendwo“ weisen schon die Adverbien „nirgendwo“ und „vielleicht“ hin, die lauter Vermutungen einführen. Und doch gerade diese ungenauen Angaben deuten die Schönheit des Lebens an, welches rätselhaft vielfältig und voll mit Überraschungen ist. Das sind die gemeinsamen Merkmale, die die Welt der Alltagswunder mit dem Märchenreich verbinden. Deshalb stellt das Land in Märchen, im Wort und im Traum keine gelogene Welt, sondern eine zerstörte dar. Denn die erträumten Werte gehören auch zur Wirklichkeit, zu unserer inneren Welt, die aber meist unsichtbar und zu verletzbar ist. Und das Bekenntnis zu ihr hält die unfassbare aber in unzähliger Form vorhandene Schönheit der Welt den verrohten Kräften des Lebens entgegen.