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Helmut Herman Bechtel - Zoltán Szendi
Tradition und Modernität in der ungarndeutschen Literatur

II. Heimat – Sprache - Identität

 Erika Áts: Ahnerls Lied

Ich wieg dich ein, ich lull dich ein,
summ’ dir das Lied vom Rosmarein,
vom Zweiglein mit den Strahlen fein
aus Mondgespinst und Sonnenschein,
treu von der Wiege bis zum Schrein.
Es kröne deine Stirne rein
wenn einst du ziehst zum Liebsten ein,
zu trinken lautrer Liebe Wein,
zu bauen fleißig Stein auf Stein,
trocknen der Tränen bittre Pein,
in Lust und Last zu zweit gedeihn,
am Bettchen süßer Kinderlein
summen das Lied vom Rosmarein,
vom Zweiglein mit den Strahlen fein
aus Morgenlicht und Abendschein,
treu von der Wiege bis zum Schrein.
Dereinst am stillen Grabe mein
sing mir das Lied vom Rosmarein.
1977

 

 Erika Áts: all’ ungherese (1999) / E 26/

Mein Land, geliebt
wie man den Vater liebt,
den Gott erst, dann störrisch
und zu spät versöhnt.
Mein Land, geliebt
wie man die Mutter liebt,
so frei, übermütig,
ihr Leid nie verschmerzt.
Mein Land, geliebt
wie sein Kind man liebt,
verziehend, verzeihend,
die Krallen zur Welt.
Mein Land, geliebt
wie man den Liebsten liebt,
beim Geben, beim Fordern
immer nur sich selbst.
Mein Land, geliebt
wie Gras die Wiese liebt,
in wurzelnden Wogen
vom Winde verströmt.
Mein Land, geliebt
wie man Liebe liebt.

 

 Béla Bayer: Fingerübungen

In Südpannonien bin ich
Ungarndeutscher
im Saarland „Franzosenbraut“,
für die Russen steckt
ein „Germanski“ in meiner Haut.
Deutsch-Ungar bin ich in der Pfalz,
für die Sachsen Saarfranzose,
wäre ich nicht der gleiche Mensch.
Ist es nicht „abstrus“?
Wenn man weiß, WER man ist,
kann man sein, WO man will!
In Notlagen eines Tages
mit mir selber mach‘ ich ein‘ „Deal“!
Weil ich es weiß, wer ich bin,
bleib ich mir treu immerhin.
2003

 

 Koloman Brenner: Ödenburg

Geliebte Stadt mit dem Geruch
des Altertums in den Barock
getunkt und wie Phoenix aus der Asche
auferstanden nach so vielen Jahren
der Erstarrtheit zeigst Du wieder
erste Lebenszeichen diese Regungen aber
zogen Blicke herbei so daß es in der Art
der Huren geschieht
Gehaßte Stadt mit Betonblöcken
wo man nicht leben kann und wo
der Rasen im Sommer verwelkt wie
die Hoffnung im Herzen obwohl es
nach brutzelnder Wurst und Marlboro
riecht auf dem Hauptplatz torkelt einer
neben der Dreifaltigkeitssäule aber
im Tannenwald herrscht Ruhe
Geliebte Stadt oben zwischen den Ewiggrünen
streicht die Zeit unaufhaltsam vorbei und
doch spürt man die Unendlichkeit im
Nacken die Frauen sind süß wie das Eis
im Hochsommer aber kleben auch und
hinterlassen einen gewissen Nachgeschmack
wofür man sich später schämen muß
in wüsten Träumen
Gehaßte Stadt der lebendigen Toten die
regungslos auf dem Kopfsteinpflaster
dahinschlürfen zu den Tönen von Haydn
und Liszt wie Marionettenfiguren
mit hängendem Kopf und Schlips
falschen Propheten zujubelnd durchs Leben
lang obwohl am Neusiedler See
die Schwäne tätscheln

 

 Koloman Brenner: Ödenburg 2

Die Kühe werden doch gemolken und
im Trainingsanzug grinst ein braunes Gesicht
zwischen den gekräuselten Brusthaaren
glitzert der in Ketten geschlagene Sonnenschein
dem das Solarium die Kundschaft längst
abgeworben hat obwohl vor den Buden
am Strand gerötete Bierbäuche das Gegenteil
beweisen die Schwäne werden totgefüttert
von wohlwollenden Rotznasen die später keine
sehen werden mangels Interesse hoffentlich
kommt gleich grün täglicher Auspuff drängt
in die Nasen und durch die Poren saugen sie
es auf die gläsernen Kolosse ihres Geschmacks
verramschen das Zeug für den Zeitvertreib und
Blendung der Köpfe eine sommersprossentraurige
Klarinette plagt sich auf dem Hauptplatz ab
die touristendicken Tauben stört einer auf


ABER DAS GEHT VORÜBER

wie die Staus an der Grenze wir marschieren ja
gen Europa unsere Stadt sowieso aber im Fitness-Center
ist jeder gleich die rasierten Köpfe verraten nicht
ob der Vater früher Schmidt hieß oder ein Ungar aus
Siebenbürgen war alles eins wie die Lauheit der
Biersorten im Hochsommer Gejohle nach dem Spiel
aus Farcegründen wird der deutsche Name
hochgekreischt die Krawatten hängen immer
tiefer und die geöffneten Hemden schauen
doppelkinnsüß aus das Non-Stop-Geschäft
an der Ecke floriert der Durst wurde gelöscht
wie die Flammen nach dem Alarm im Turm
der unsere Häuser überschattet statt bewacht

 

 Koloman Brenner: Volksmärchen

Es wär schön
wenn im Kindergarten
wofür die berühmte
Minderheitenkopfquote
in die Kasse der
Gemeinde rasselt
die Kindergärtnerinnen
uns nicht
erklären würden
dass Deutsch
schädlich sei
und so früh
sowieso
und es könnte ja
psychische Störungen
geben
ja sicher
wenn ihr endlich
mit diesem Scheiß
nicht aufhört
und endlich
Deutsch im
Kindergarten nicht
verlernt wird
endlich

 

 Nelu Bradean-Ebinger: Haus im Banat

Dort drunten im Süden des Ostens
steht ein Haus
es geht niemand mehr
weder rein noch raus
Hund und Katze
nahmen Reißaus
die Ratten sind
Herr im Haus
auf den Tischen
tanzt die Maus. Über dem löchrigen Dache
weht ein kahler Wind
in den Stuben hörst du
nie wieder lachen das Kind
im Stalle muhen das Rind
allein in den Träumen
steht sie noch, die Lind‘
vor dem Haus. Dort drunten im Süden des Ostens
steht ein Haus
es geht niemand mehr
weder rein noch raus: es war einmal
mein Vaterhaus.

 

 Josef Kanter: Die Muttersprache

Unsere Ahnen kamen einst hierher
und fanden hier ein neues Heimatland.
Die viele Müh‘ und auch die Plag‘ war schwer,
sie schafften es für uns mit Herz und Hand.
Seitdem sind viele Jahr‘ vorbeigegangen:
Wir haben die schönen Sitten und Bräuche uns bewahrt;
das Kind hat sie immer von den Eltern empfangen
uns weitergegeben in seiner Art.
Das schönste, was wir uns erhalten:
die Muttersprach ist es doch.
In Ehren wollen wir sie stets gestalten
und weitergeben noch und noch.
Wie eine Fackel brennt in dir ein Licht,
der Mutter Wiegenlied, oft klingt’s dir zu:
Vergiss ja deine Muttersprache nicht
und tue deine Pflicht,
dann findest du die innerliche Ruh.

 

 Claus Klotz: Ahnerls Lied

Schlaf, Kindchen, schlaf,
verstehst nicht meine Sprach',
die Märchen und die Sagen
und meine deutschen Fragen.
Schlaf, Kindchen, schlaf.
Schlaf, Kindchen, schlaf,
bleib fleißig und schön brav,
zum Häusle bauen, Auto kaufen
wirst du meine Sprach' nicht brauchen.
Schlaf, Kindchen, schlaf.
Schlaf, Kindchen, schlaf,
ich sink bald in das Grab,
mit mir die deutsche Mär, das Wort,
sie finden dort den letzten Hort,
schlaf, Kindchen, schlaf.

Budapest, 1981

 

 Claus Klotz: Mein Heimatdorf

flocken weiß
bitterheiß
tannen
von dannen
dorfrandslums
straßen rein
fensterlein
häuschen
ohne mäuschen
menschenlos
fremde sprach
muttersprach
mir wattezucker
gucker
in die ferne
weinberge
herberge
stumm sinnen
fischstimmen
übermorgen dahin.
Budapest, 1981

 

 Wilhelm Knabel: An Bonnhard

An eine Hügellehn gebaut –
ein Städtchen dir entgegenschaut :
wie Braut im schmucken Kleid –
der Kirchturm glänzet schon von weit.
Ein Schulschloß rötlich, wie Rubin –
der Jugend formet Geist und Sinn,
und Schornsteine emporragen,
für Arbeit und Brot Sorg’ tragen.
Im Erdenschoß der Hügelkett’,
verborgen von Nord bis zu West,
liegt die Kultur von tausend Jahren,
der hier gehausten Völkerscharen.
Und hehre Kämpfer der Freiheit –
gebahr dieses Städtchen zu der Zeit.
Hat Dichterseelen inspiriert,
die Landschaft herrlich vorgeführt.
Wer einstens die Edlen waren?
In Stein gemeißelt ihre Namen!
Schon bald zweihundert Jahr Geschicht’ –
vergessen die Nachkommen nicht.
Die alten Häuser schwinden wohl,
doch Ahnengeist hält fest zur Scholl’,
woran man früher kaum gedacht :
Nun ward mit Fleiß das Dorf zur Stadt.
Bonyhád, du liebes Städtchen mein,
du wurdest mir zum zweiten Heim,
gewähr mir auch den Ruheort,
dann träum’ von dir ich immerfort.
1966

 

 Angela Korb: Fünfkirchen

Lebendige Stadt
der himmelwärts strebenden
Türme
Ragende Wegweiser
zum Parnassus
geweihter Ort des Janus P.
Bischof und Poet
Hässliche Stadt
mit zerbröckelten Fassaden
in verwinkelten Gassen der Altstadt
Zigarettenmief und Bierdunst
ebenso anrüchig
wie die seelenlosen Silos
in schuldloser Landschaft
Altehrwürdige Stadt
der Türkenbäder
neben dem Tempel des Franziskus
im schlanken Minarett geistern
gebannt vom Zauber verrinnender Zeiten
längst verstummte Muezzine
und lauschen versöhnenden Glocken

 

 Angela Korb: Segregation

Eines Tages hörte ich auf der Heimfahrt im Zug eine unglaubwürdige Geschichte. Mir schräg gegenüber auf den Viererplätzen saßen drei Zigeuner. Sie sprachen über eine alte Hexe, die außerhalb ihres Dorfes im siebten der verlassenen Weinberge wohne. Sie spräche eine eigenartige Sprache mit vielen harten Lauten. Im Dorf lebten keine älteren Leute, sie müßte schon über hundert Jahre alt sein. Sie würde nie in das Dorf kommen, und noch keiner hätte den Mut gefaßt und wäre zu ihr hinaufgestiegen. Sie müsse eine Hexe sein, sonst könnte sie so allein am Rande des Waldes doch wohl nicht überleben.

Der Zug hielt. Leider mußte ich aussteigen, doch die Geschichte ließ mich nicht los. Der Name des Dorfes war Kanaan. Ich nahm mir vor, diese alte Hexe aufzusuchen. Ich zog Erkundigungen ein. Von den Bewohnern war nur einer ein Ungar, der Bürgermeister. Alle anderen waren Zigeuner. Der Ungar kannte nur eine Sprache, die Zigeuner zwei, eine dritte Sprache beherrschte niemand von ihnen.

Im Dorf konnte man mir nur eine ungefähre Richtung weisen. Ich raffte mich zusammen und bestieg den ehemaligen Weinberg. Es ging steil bergauf. Oben schlug ich mich durch dichtes Unterholz, bis ich schließlich einen Pfad fand, der in eine Lichtung mündete. Ich war im Paradies angekommen! Rosen lächelten auf mich herab, sie waren auf prächtigen Obstbäumen gewachsen. Samtweiches Moos schmeichelte meinen Schritten, der frische und kräftige Duft von Blüten und Gräsern betäubte mich. Wie im Traum näherte ich mich einem altersschiefen Kellerhaus.

Ein Hund schlug an. Die blaugestrichene Tür öffnete sich und eine alte, leicht buckelige Frau stand vor mir. Die Hexe! Eigenartig war, daß sie eine schwäbische Tracht trug. Ich nahm all meinen Mut zusammen und sprach sie an:

„Jó napot öreganyám!“

„Jessös Maria!... Kries' ti, mai Kint. Wie kummscht tann ta ruf? Verstehscht tann Teitsch?“

Natürlich verstand ich! – Ich verbrachte einen wunderschönen Nachmittag auf dem verlassenen Weinberg, auf den sich sonst niemand wagte.

Die vermeintliche Hexe zog vor langer, langer Zeit auf den Weinberg. Das war der Tag, als ihre Familie und viele ihrer Nachbarn in Viehwaggons in ein fremdes Land geschafft wurden. Seitdem lebt sie hier oben einsam, die Welt dort unten ist ihr fremd. Ein Fuhrmann versorgt sie mit all dem Notwendigen, was sie sich nicht selbst erwirtschaften kann. Er kommt den Weinberg jedoch vom anderen Fuß herauf. Und so blieben die Bewohner Kanaans unwissend. Was sollte sie auch die Alte in der Diaspora kümmern? Sie hatten genug mit sich selbst zu tun.

Die Alte war gastfreundlich, zuvorkommend und sehr redselig. Besucher kamen selten. Ungarisch konnte sie nicht.

 

 Angela Korb: Sprache

Sprache ist Heimat
die treueste Geliebte
von Wort zu Wort
Wonne herbeizaubernd
weint sie still
wenn ich fremd gehe
und verzeiht mein Stolpern
mit einem beglückenden Zauber
ihrer Zärtlichkeit

 

 Josef Michaelis: Dichten

Die Worte
meiner Muttersprache
im Verspferch:
Von der Prärie der Ideen
mit dem Lasso
eingegangene
widerspenstige
Mustangs
1989

 

 Josef Michaelis: Frankenstadt

Schaufenster
Plakate
Weihnachtsaufputz
Menschenmassen
Kein bekanntes Gesicht
Auch Katzenköpfe
– die IHRE Schritte bewahren –
in den Sackgassen
schweigen
An der Ecke
parodiert Mode
statt unserer Stammkneipe
Geruch von Bratfisch
verdrängte schon lange
den Duft
ihres frisch gewaschenen Haares
Der Fluss aber blieb
auch Wellenspuren im Sand
wiegende Weiden
der Promenade
einige Nebelumhüllte Laternen
die mitschuldig
auf mich blinzeln
Ganz wurde
aus dem einstigen Studenten
kein Fremder
1996

 

 Josef Michaelis: Heimatsdörflein

Fliederlaub
Sommerstaub
Herbstmondschein
Leichenstein
1983

 

 Josef Michaelis: Lehre

Das Schicksal ließ mir eine Freundin geben,
sie lullt mich ein, sie hält mich wach,
nur ihre Treue gilt fürs ganze Leben,
und trägt den Namen: Muttersprach.
1982

 

 Josef Michaelis: Mein Ungarndeutschtum (Nach Claus Klotz)

Mein Ungarndeutschtum ist
eine zerbrochene Steinaxt der Urzeit
auf welche ich am Dorfrand
nach einem großen Regen im Wasserlauf stieß
und noch die römische Silbermünze Pannoniens
wofür ich als Schulkind mein ganzes Taschengeld opferte
Mein Ungarndeutschtum
Gisela von Bayern und ihr Gemahl König Stephan der Heilige
auch die Mahnungen an seinen Sohn
das Ofener Stadtrecht im Mittelalter die Türkenherrschaft
Maria Theresia und ein verlassener Bauernhof in Ubstadt
Günzburg die Donau und die Ulmer Schachtel
der Tod die Not und das Brot
Mein Ungarndeutschtum
der taumelnde Granitgrabstein meines Vorfahrens
mit verwitterter Schrift
von Unkraut überwuchert
den ich nur selten besuche
Mein Ungarndeutschtum
ein Maulwurf auf dem alten Friedhof
und eine Eidechse die sich
auf niedergefallenen Sandsteinkreuzen sonnt
und unbemerkt wie die Zeit schleicht
ebenda die glühende Walderdbeere im taugrünen Gras
auch ein Wurzelstumpf
Mein Ungarndeutschtum
die Ruine auf dem Dorfhügel
und hinter ihr ein alter Holunderbusch
der jedes Jahr aufs Neue ausschlägt
wo ich oft nach Schätzen suchte
aber nie welche fand
Mein Ungarndeutschtum
Maria Base
die aus ihrem Haus vertrieben und mit einem Bündel
im Viehwaggon nach Deutschland abgeschoben wurde
und Vetter Franz
der die Hölle Sibiriens erlitt
mir darüber aber nichts erzählen wollte
Mein Ungarndeutschtum
mein Urgroßvater mütterlicherseits
der fließend Deutsch und Serbisch sprach Ungarisch aber kaum
                                              verschollen im Ersten Weltkrieg

 

 Josef Michaelis: Über die Muttersprache

Antwort an einen Vater)
Schon damals sprach Graf Széchenyi:
„In seiner Sprache lebt das Volk.“
Warum fragst du dann: „Was und wie?“
Der Weg ist klar zum Schulerfolg.
Lehrer haben Riesensorgen,
weil Schüler bringen kaum ein Wort,
ihr Wissen bleibt ganz im Verborgnen,
geochste Wörter fliegen fort.
Fleißaufgaben? Aktionen?
Sind keine Traditionen.
Beide enthalten nicht die Antwort.
Denke doch nach, dann weißt sofort,
dass unsre Sprache blüht nur dort,
wo Mutter,Vater, Kind sie sprechen.

 

 Josef Michaelis: Wie es Kras

wie es Kras
uf tr Wiese
wachst
so misst
unsri Sproch
in dr Junge
Warzl schlage
1986

 

 Josef Michaelis: Zur Heimat…

(An Wilhelm Knabel erinnernd)
Zur Heimat zieht der Bortgeruch,
wo Wiege stand, klang klar ein Spruch,
wo Mutter sprach: „Oh Kind, du mein!“
Bloß hier wirst du zu Hause sein.
Mich stört der Gleichmut dieser Zeit,
auch Jugend nimmt Gefühle leicht,
ihr Beutel voll, der Wohlstand wahr,
die Seele dabei in Gefahr.
Oh früher war das Leben rein,
die Welt trollte mit kurzem Bein,
für Freunde gab’s ‘ne Menge Zeit,
Volkssitten blühten weit und breit.
Nach Pflügen blieb ‘ne ganze Stund
zum Plaudern, Schlendern mit dem Hund,
im tiefen Schmerz, in großer Not
roch doch zu Haus ein Stückchen Brot.
Dann dröhnte Krieg, ein böser Sturm
– Gerechte lebten wie der Wurm –
das Schicksal war zu vielen roh,
zerstreute sie wie Wind das Stroh.
Die Wellen schlugen übers Land,
es half kein Gott und keine Hand,
die Augen nass, die Seele leer,
geworfen in das Völkermeer.
Sie fanden doch ein‘ Zufluchtsort,
war still die Bucht, bekannt das Wort,
nur jedem fehlte ein Geschmack:
Das Korn ist wichtig, nicht der Sack.
Zur Heimat zieht der Brotgeruch,
wo Wiege stand, klang klar ein Spruch,
wo Mutter sprach: „Oh Kind du mein!“
Auch, hier nur kannst zu Hause sein.
1983

 

 Josef Mikonya: Der alte Kirschbaum

Am Ende des vergangenen Jahrhunderts soll jemand prophezeit haben, dass man „in hundert Jahren in Ungarn kein deutsches Wort mehr hören wird.“
Ich bin kein Prophet und weiß auch nicht, ob solche Vorhersagen überhaupt einen Sinn haben. Mir liegt aber das Schicksal der deutschen Sprache und vor allem das der Menschen am Herzen, die in meinem Vaterland diese Sprache von Eltern und Großeltern als Wegzehrung fürs Leben erhalten haben.

Unweit unserer Dorfes gibt es eine Mulde mit sanften Hügeln. Sie heißt heute Csurgó. In unserem Dialekt nennt man sie aber auch heute noch Tschurgaheit (Csurgóhegy).

Als unsere Vorfahren hier ankamen, pflanzten sie auf diesem Fleck Weinreben. In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts kam das große Weinsterben, das die auf weiten Flächen einst blühenden Weingärten zur öden Wüste machte.

Der große Eichwald, der die Mulde umrahmte, gehörte einem Gutsherrn. Diesem gefiel es nicht, dass die Leute in seinem Wald Vebindungswege angelegt hatten, und er machte ihnen den Vorschlag zu einem Tausch. Er versprach ihnen für diese hügelige Mulde einen besseren Grund, und die Bauern sollten dafür auf die Waldwege verzichten. Alles frute sich, denn für Korn war dieser Boden ungünstig, es wuchsen neben den neu gesetzten Obstbäumen nur Mais und Kartoffeln, höchstens konnte man noch Hafer mit Erfolg hier anbauen. Und durch die Waldgegend war auch der Wildschaden beträchtlich. Der Gutsherr seinerseits pflanzte auf dem frei gewordenen Hügelland Akazien und Fichten. Die Obstbäume aber ließ er stehen. Der neue Baumbestand, vor allem die Akazien, entwickelte sich schnell. Die kleineren Bäume, Pfirsich und Zwetschge, gerieten bald in den Schatten. Auch die Wahlnussbäume konnten es mit dem neuen Wald nicht lange aufnehmen. Allein die Kirschbäume wollten sich nicht ergeben…
In meiner Kindheit standen noch drei von ihnen. Zur Freude der Vögel und auch für uns Kinder blühten sie jeden Frühling und brachten süße Früchte. Zur Zeit steht nur mehr einer. Einen Ast hat bereits die Krankheit befallen. Doch ringt der Baum noch immer zäh um sein Leben.

 

 Stefan Raile: Worte

Manchmal fallen mir Worte aus jener fernen Zeit ein, die Mutter noch lange danach und Großmutter bis zuletzt gesprochen hat. Es sind Worte, die ich erstmals in dem Dorf zwischen Donau und Theiß hörte, geformt in schwäbischer Mundart, mitgebracht drei Menschenleben vorher auf der großen, abenteuerlichen Reise vom Schwarzland in die ungarische Ebene, durch meine vorfahren bewahrt, weiterentwickelt, mit magyarischen und slawischen Begriffen vermischt, umgestaltet, abgeschliffen und im Klang verändert, weil kein Einfluss wirkungslos bleibt. Mein Verhältnis zu den Worten hat sich mehrfach gewandelt. Zunächst waren es für mich gewichtige, lebensnotwendige Ausdrücke der Sprache, die im Dorf zählte, neben dem Ungarischen natürlich, das im Kindergarten und in der Schule verlangt wurde. Erst später, nach der langen, aufgezwungenen Güterzugfahrt, die uns bis Sachsen führte, nahe an die Grenze zu Schlesien, wurde mir bewusst, dass es nicht nur die eine deutsche Sprache gab. Ich erlernte eine andere, die härter klingt und bis heute meinen Tonfall färbt, von den neuen Kameraden, hörte sie verfeinert auch von den Lehrern in der Schule, wo mir die frühere nur schadete, da sie keiner verstand und sie mich in der Orthographie behinderte. Die andere Sprache, die nun bestimmend wurde, entfernte mich von meinen Eltern, meiner Großmutter, anfangs nur verbal, danach wohl auch menschlich; denn es störte mich, dass sie sich das Vokabular, das sie im veränderten Umfeld unauffällig gemacht hätte, nicht mühelos wie ich aneignen konnten. Trotzdem vergaß ich jene frühe, von Mutter erlernte Mundart nicht, ich kann sie, wenn ich in das Dorf komme und jemand finde, der sie noch spricht, was immer seltener zu werden scheint, mühelos anwenden. Dabei fallen mir vermeintlich verlorengegangene Ausdrücke wieder ein, gewinne ich mitunter Einsichten, die mir Jahrzehnte verborgen blieben, erfasse überraschende Zusammenhänge und bestaune das Vermögen meiner Vorfahren, Dinge und Erscheinungen so einfach wie treffend zu benennen: Maulmacher für Schwätzer, Gummiflinte für Katapult, Erdhase für Wildkaninchen. Den Sinn anderer Begriffe hingegen kann ich bis heute nur vermuten: Ist Lofaß ein Synonym für Versager, Mujo für einen mürrischen Menschen, Pusserant für Quälgeist, nisseln für verhalten weinen? Es belastet mich nicht, dass ich keine Gewissheit habe. Steckt in dem Vagen, Unergründlichen nicht auch ein beträchtlicher Reiz? Außerdem bleibt mir die Hoffnung, eines Tages doch hinter das Geheimnis zu kommen, genau wie bei Okrosel zu wissen, dass das Wort Stachelbeere heißt und von dem ungarischen egres abgeleitet ist, sicher wie bei Hotter zu sein, dass der Begriff, der die Gemeindegrenze bezeichnet, österreichischen Ursprungs ist. Weit mehr als meine Wissenslücken beschäftigt mich, woher mein Sinneswandel rührt, wieso ich zur Sprache meiner frühen Kindheit ein neues Verhältnis gefunden habe, ich selbst die simple Floskel „Wu kommscht’n her, wu gescht’n na?“, die gedanenlos geäußert wurde, wenn sch Bekannte im Dorf begegneten, nicht mehr abschätzig betrachtem weil sie mir den vertrauten Tonfall ins Gedächtnis ruft. Liegt es daran, dass man sich mit zunehmendem Alter stärker auf seine Wurzeln besinnt, die wahren Worte mir helfen, die Erinnerung an meine Eltern, meine Großmutter wachzuhalten, mir bewusst ist, dass ich aus unserer Familie als Letzter die Sprache beherrsche, meine Kinder sie nicht weitertragen werden? Ich fürchte, die Mundart, die immer weniger in dem Dorf benutzen, wird irgendwann ganz aussterben, wie zahllose Sprachen in der Vergangenheit erloschen sind. Es wäre schlimm, wenn es so weit käme, mit all den trefflichen Ausdrücken auch „Maulmacher“ verlorenginge. Ist es nicht wirklich ein großartiges Wort?