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Helmut Herman Bechtel - Zoltán Szendi
Tradition und Modernität in der ungarndeutschen Literatur

Valeria Koch: Orphea

Valeria Koch: Orphea

 

Aufgaben vor der Textbearbeitung (klicken Sie hier)

1. - Lesen Sie die mythologische Geschichte über Orpheus und Eurydike nach.

 

Nie gab sie auf
ihn wiederzusehen
die Sehnsucht nach ihm
hielt sie so dicht
in ihrem Gesang
wie Göttinnen treu
die einen Sterblichen lieben
Und als der Wunderschock geschah
mit dem Untertauchen tief
in die eigene innerste Welt
verlor sie beim Wahrnehmen seines Kommens
ihre Stimme
Alles Warten war vorbei
und die Zukunft beider
lauerte vor dem Tor
sie mußte sich umdrehen
ihn noch einmal zu sehen
zu hören sein Keuchen
zu sehen wie er fällt
Hermes führte sie ans Licht
sie blinzelte und war so frei
und konnte wieder
ewig
singen

(1992)

 

Aufgaben zur Textbearbeitung (klicken Sie hier)

1. Welche (vollkommen) neue Perspektive ermöglicht der Rollenwechsel?

2. Was ist der größte Unterschied im Vergleich zu der ursprünglichen mythologischen Geschichte, besonders hinsichtlich des Ausgangs der Ereignisse?

 

Interpretation

Eine vollkommen eigenartige Abwandlung des berühmten Themas aus dem antiken Mythos ist hier zu finden möglich, das zunächst in der griechischen Literatur und Kunst und danach in der ganzen europäischen Kultur ein beliebter Gegenstand der Kunstwerke bis zur heutigen Zeit geworden ist. Eine grundsätzlich neue Perspektive eröffnet das Gedicht von Koch durch den literarischen Rollen- bzw. Geschlechterwechsel, der dann eine Reihe von Umdeutungen initiiert. Die Verwandlung des Orpheus in ‚Orphea‘, die zugleich im Titel mit ausgedrückt wird, löst nämlich den mehrschichtigen Prozess einer eigentümlichen Emanzipation. Da Orpheus als Sänger von Anfang an Symbolfigur des ruhmreichen Dichters war, dessen Kunst seine (engere und weitere) Umwelt ergötzt hat, ist es offenkundig leicht, Orphea mit dem maskierten Ich zu identifizieren. Die eine wichtige Botschaft dieser Umdeutung ist, dass es nicht nur Dichter, sondern auch bedeutende Dichterinnen gibt. Der Gleichheitsanspruch bezieht sich aber auf die ganze Schicksalswandlung der beiden tradierten Gestalten. Während nämlich die ‚ursprüngliche‘ Orpheus-Figur als tragisches Ereignis den endgültigen Verlust seiner Frau erlebt, bedeutet diese Wendung für Orphea eine wahre Befreiung: „sie blinzelte und war so frei / und konnte wieder / ewig / singen”. Als ob diese unwiderrufliche Trennung von ihrem Mann zugleich die Behinderung ihrer schöpferischen Tätigkeit aufheben und den Beginn eines neuen souverären Lebens bedeuten kann. Vorausgedeutet wird die negative Wirkung des Mannes schon beim „Untertauchen tief / in die eigene innerste Welt”, weil sie „beim Wahrnehmen seines Kommens / ihre Stimme” verloren hat.

Die Geschlechtsverwandlung ist neu, nicht aber die der Entfremdung Eurydikes von ihrem Mann. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Valeria Koch wichtige Impulse zu dem emanzipatorischen Aspekt in der Rolle Eurydikes aus dem Gedicht Orpheus. Eurydike. Hermes von Rilke bekommen hat. In diesem Werk wird nämlich die Rolle der Frau völlig umgedeutet, denn Eurydike erkennt ihren Mann nicht mehr, weil sie – durch die Verwandlung im Schattenreich – ihr „Mädchentum“, d.h. ihre Unabhängigkeit von dem Ehemann zurückgewonnen hat – genauso wie Kochs Orphea.

 

 

Weiterführende Aufgaben (klicken Sie hier)

1. Vergleichen Sie das Gedicht Valeria Kochs mit dem Gedicht Orpheus. Eurydike. Hermes von Rilke.